Stell Dir vor es ist WM und Du kannst nicht segeln.

2014 49er 16Hätte das vor einer Woche jemand zu mir gesagt, hätte ich wohl gelacht - vorstellen können hätte ich es mir jedoch nicht. Auch wenn ich das Bakterium aus Rio gerade erst los war und die Schleimhäute meiner Kieferhöhle noch nicht ganz abgeschwollen, so fühlte ich mich doch körperlich wie geistig fit und absolut bereit die Weltmeisterschaft zu segeln. Und, noch wichtiger, den Olympischen Startplatz im 49er für Deutschland zu sichern. Denn hier in Santander werden bereits die ersten zehn von zwanzig Olympiatickets für die bestplatzierten Nationen vergeben. Also eine gute Chance das früh abzuhaken, um sich später keine Gedanken mehr darüber machen zu müssen.

Und jetzt ist Sonntagabend, morgen beginnen die Rennen für uns und ich sitze in der Lobby unseres Hotels. Ich blicke aufs Meer, dorthin wo ich morgen segeln wollte. Doch meine Linke Hand ist geschient und vom Daumen fast bis zum Ellenbogen ist mein Arm fest eingepackt.

Es gibt diese einschneidenden Momente im Leben, ich glaube jeder kennt das. Bezogen auf den Sport war der für mich mit Abstand größte Moment der Gewinn des Europameistertitels. Der Moment, als wir am Ende ins Ziel gingen, nachdem wir mit drei perfekten Rennen noch zwei internationale Topteams überholt hatten. Unbeschreiblich und unvergesslich.

Das war vor exakt zwei Monaten. Vor exakt fünf Tagen lag ich mit dem Kopf im Gras und habe geweint. Ein paar Minuten zuvor war ich gestützt und hatte meine Hände an herumliegenden Glasscherben aufgeschnitten. Ich wusste weder genau wo, noch wie tief die Schnitte waren. Ich wusste nur, dass da gerade ziemlich viel Blut aus meiner Hand kommt und dass das wenige Tage vor einer WM ein verdammt schlechter Umstand ist. Ich fühlte mich so schlecht wie noch nie. Dieser im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Moment wird für mich genau so unvergesslich bleiben wie der Gewinn der EM.

Zusammen mit Erik habe ich seit 2001 einige Höhen und Tiefen erlebt. Doch war kein Misserfolg für mich eine emotional größere Niederlage, als der Ausfall bei dieser WM.

2014 49er 17Technisch gesehen haben wir jetzt mit dem jungen Fabian Graf kurzfristig einen guten Ersatzmann für mich gefunden. Das Nationenticket können wir auch noch später lösen, falls hier kein deutsches 49er Team unten den besten zehn Nationen ist. Auch die Sehne wird bei normaler Heilung in zwei Wochen wieder voll belastbar sein, der Trainingsausfall ist also minimal. Die Haut ist bereits jetzt größtenteils gut verheilt. Das ist das Gute an sauberen, scharfen Schnitten. Die Schiene nehme ich ab heute immer öfter ab und die Fäden werden am Freitag gezogen.
Aber:

Jetzt steh Dir vor es ist Olympia und Du kannst nicht segeln.

Die aktuelle Situation hat mich auf jeden Fall extrem sensibilisiert. In dem Moment als ich an die Konsequenzen des Ereignisses dachte, wurde mir die Zerbrechlichkeit hoher Ziele und großer Träume äußerst klar vor Augen geführt. Wir hätten 2016 in Rio mehr als unser halbes Leben miteinander auf einem Boot verbracht. Wir hätten Tausende Stunden in Training, Materialentwicklung, Planung, Optimierung und Gedanken an unseren gemeinsamen Traum gesteckt. Was wenn uns dann etwas passiert? Die Vorstellung alles könnte mit einem Mal umsonst gewesen sein, lässt es mir kalt den Rücken herunter laufen.

Ich will in Zukunft Gefahrenquellen besser erkennen und sie dann meiden.

Jetzt wünsche ich Erik und Fabian viel Erfolg für die WM. Ich werde bis zum Ende der Regatta vor Ort bleiben und die beiden unterstützen. Großen Respekt habe ich vor Erik, der nach nur drei Tagen Training mit Fabian in ein Weltklassefeld startet. Er muss auf dem 49er nun viele meiner Aufgaben mit übernehmen, was viel Konzentration kostet. Das wird hart, aber er ist ein sehr guter Segler. Wenn die Bedingungen passen, haben die beiden gute Chancen. Großen Dank möchte ich Fabian Graf aussprechen, der in Kiel alles stehen und liegen gelassen hat, um mich zu ersetzen.

Beste Grüße aus Santander,

Thomas

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