Wie weit scheint der TSC? (Der Glosse dritter Teil)

Wissen Sie, was ein Scheinriese ist? Nein? Nun, das mag verschiedene Gründe haben. Kann es zum Beispiel sein, dass es sich bei Ihnen um ein älteres Semester handelt? Dann haben Sie wahrscheinlich die Kinderbücher schon seit einiger Zeit durch wissenschaftliche Abhandlungen zu Strömungsgeschwindigkeitsverhältnissen an Dehler Varianta Rümpfen oder Regelkundewerken von Ulli Finkh eingetauscht. Das ist ja auch sehr lobenswert und sehr verständlich bei der derzeit im TSC herrschenden Konkurrenz im Yardstickbereich.

Und außerdem sind computerized fluid dynamics ja irgendwie auch besser zu fassen, als die Fantasieprodukte, die uns als 11-jährige die Macher der Varta 1.5 V Powerblocks haben vergöttern lassen, als wir noch spät abends unter der Bettdecke von immenser Spannung wach gehalten, heimlich weiterlasen und weiterlasen. Und das auch, wenn die Uhr schon halb elf zeigte, was mit der ersten Stunde Mathe am nächsten Morgen beliebig inkompatibel war. Was sollte auch die Mathematik, wenn Jim und Lukas gerade ganz andere Probleme haben, die sich aus einer unglücklichen Verknüpfung von feuerspeienden Drachen, schlecht geplantem Magnetismus, einer großen Horde echt wilder Kerle und eben einem Scheinriesen herrührten? Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Man bedenke nur, dass gerade an so einem übernächtigten Morgen die mathematischen Grundlagen für die korrekten Startbeschleunigungsvektorenabschätzung und somit für einen Sieg der eigenen Yacht etwa 35 Jahre später in einer bedeutenden Clubregatta gelegt worden wären. Ja, und so legt man zwar schon in jüngster Jugend den Grundstein für ein späteres schlechtes Starten, aber das ist eigentlich egal, denn schließlich weiß jeder naseweiser Dreikäsehoch, was ein Scheinriese ist.

Und wenn Sie kein Knilch mit präpubertärem, pickelfreiem Baby-Popo-Gesicht sind und trotzdem wissen, was ein Scheinriese ist? Ja, dann haben Sie entweder ein brillantes Gedächtnis und sich somit für den nächsten Regelkunde/Schiedsrichter-Lehrgang qualifiziert, denn man kann bei ihnen die begründete Hoffnung haben, dass Sie sich sämtliche Wettfahrtregeln einschließlich der entsprechenden Anhänge ebenso merken können. Oder Sie sichern gerade meine Rente, indem Sie Jungvolk in dem fragwürdigen Alter erzeugt haben, und daher ein ausgesprochener Conisseur des Genre gewaltfreier Fantasy zwischen Lindgreen und Blyton bzw. Kästner und Rowling sind. Es kann natürlich auch sein, dass Sie lediglich einen etwas außergewöhnlichen Geschmack haben, wie man sich den Samstag Abend rumbringen kann.

Wie dem auch sei und für alle, die mit dem Scheinriesen nicht wirklich viel anfangen können, sei sein Name erwähnt: Herr Turtur. Und der seines Vaters: Herr Michael Ende. Letzterer nette Mann erfand mit Herrn Turtur einen ebensolchen Scheinriesen, um seine beiden Hauptpersonen Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer damit - wenn auch nur sehr kurzfristig - zu erschrecken. Und Herr Turtur, als Scheinriese, ist schon ein sonderbarer Zeitgenosse. In Umkehr von allem, was wir so aus der zweiten Stunde am Dienstag morgen (Physik) durch unsere noch sehr verschlafenen Augen hätten mitbekommen sollen, wird dieser nämlich mit Zunahme der Entfernung nicht kleiner, wie es so ziemlich alle Gesetzte der Optik verlangen würden, sondern größer. Und das ist eigentlich extrem brauchbar. Das hat auch unser Lukas erkannt, der anscheinend nicht nur in der GDL organisiert ist, sondern zumindest in Teilzeit als freiberuflicher Agent für die Agentur für Arbeit arbeitet. Flugs besogt er  ihm einen lukrativen und von Aufstiegsmöglichkeiten nur so durchsetzten Job als Leuchtturmwärter auf einer sehr einsamen und sehr magnetischen Insel, was für einen ansonsten schlecht vermittelbaren End-50ziger ein riesiger Glücksgriff ist und sorgt so für alle vor Spannung weit aufgerissenen Kinderaugen für eine große Erleichterung, schließlich handeln die nächsten sechs Kapitel somit nicht von einem frustrierten, arbeitslosen Hartz IV Empfänger mit einem massiven nicht von Dosenbier induziertem Konfektionsproblem. Das hätte ja auch zu einem massiven Umsatzeinbruch bei Varta geführt und so wollen wir die heimische Binnenwirtschaft wirklich nicht schädigen. Also, börsenseitiger Dank sei Lukas dem Lokomotivführer, der erkannt hat, dass so ein Scheinriese anscheinend ja auch einen wahrhaft großen Schein scheint. Man stelle sich nur mal vor, der Riese erscheint so groß, dass man die Kartoffeln aufsetzen kann, wenn man ihn am Horizont erblickt. Dann ist das Essen fertig, wenn er da ist. Wie praktisch, wenn das Handy-Netz mal ausfällt.

Also sollte man sich nicht fragen, ob so eine Qualität nicht auch ein Muss für unseren TSC ist. Und seien wir doch mal ehrlich: Wie groß erscheint uns der TSC, wenn wir fern der bekannten Berliner Betauungswiese unterwegs sind? Wenn uns der Sherry ausgeht an einem windigen, kalten und regnerischen Augusttag, eingeweht in Gedser, umgeben von einer Gang scheintoter Greise? Wenn wir nach fünf langen, stürmischen und langweiligen Tagen in Ystadt endlich einen Schein am Horizont sehen, den Kahn losbinden, bloß um nach 3 Stunden von 7 Bft vor sich hergetrieben wieder festzumachen und die Ehrenurkunde als Hafenmeister h.c. entgegen zu nehmen? Wie groß erscheint uns der TSC, wenn wir kopfüber bei raumen Wind, langer Welle und 9 kn Fahrt im Motorraum stecken und versuchen einem Volvo 2010 einen neuen Impeller aufzuzwingen? Ja, und wie verlockend groß muss der Runde Tisch erscheinen, wenn man bei Welle gegen an und undichtem Unterwasserschiff vor Danzig kreuzt und den Mitreisenden im Salon das Wasser schon bis zum Bauchnabel steht? Was gäben wir in solchen Momenten für einen wohlig warmen Schein aus der Messe mit dem beruhigenden Gebrabbel der Kameraden und den unregelmäßigen Flüchen, wenn wieder einer die Schwingtür ins Kreuz bekommen hat?

Der Auftrag ist somit gestellt: Der TSC muss zum Scheinriesen werden. Kurz und knapp, überwiesen an die Abteilung "Geht nicht, gibt's nicht und schmeckt gut" von Nicki und Kai. Et voilá, es ist vollbracht: Unter www.tegeler-segel-club.de/anreise.html kann man sich wundern und überzeugen. Je weiter man sich vom TSC entfernt, das heißt, je weiter man aus der Karte herauszoomt, desto größer wird der Club. Ist er zunächst nur ein kleiner Punkt an der Malche, wird er bald zur bestimmenden Größe am See und zeigt wahrhafte Dominanz im Berliner Norden. Zieht man seinen Blick jedoch noch weiter hinfort, so erkennt man, dass der TSC eigentlich ganz Deutschland umgibt. Doch richtig zu würdigen weiß man den TSC erst im globalen Raum, wenn man erfasst, dass ganz Nordeuropa unter seinem Stander liegt. Welch ein Segen für all die versprengten Kapitäne des Runden Tischs (und welch Rabattierungsmöglichkeiten für unseren Ökonom, bedenke man doch nur das Einzugsgebiet).

Doch mal ganz ehrlich, so ein Scheinriese hat auch noch eine andere Seite: Betrachtet man ihn nämlich aus der Nähe, so ist er eigentlich recht klein und sehr gemütlich. Und das ist auch gut so, wie ein lokalpolitischer Scheinriese sagen würde. Zoomt man in die Karte hinein, so findet man den TSC auf seiner Terrasse wieder, wo er -zumindest im Sommer- auch hingehört. Und damit ist auch ein für alle mal (zumindest bis zum nächsten Rundschreiben) geklärt, wo der TSC ist: Hier auf der Terrasse und ziemlich in der Mitte davon. Allerdings gibt es, und das soll nicht verschwiegen werden, eine nicht allzu kleine Gruppe Kameraden, die dieses für eine technische Täuschung halten und die Position des TSC tatsächlich etwa 2 Meter tiefer ansiedeln, im Umkleideraum Ost. Dort hat nämlich der Jürgens seinen Spind und es besteht die begründete Vermutung, dass er mindestens ein paar Mal mit dem Kopf gegen genau dessen Tür gerannt ist, um sich so einen Blödsinn einfallen zu lassen.

Kai Jürgens

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