Mit der Hanse 370 „Sanibel II" von Greifswald über Sassnitz nach Bornholm und von Hasle, über Nexsø, Kolberg, Swinemünde und Kröslin wieder zurück nach Greifswald. Das waren 285 sm mit achterlichem Wind! (wenn er wehte)
Besatzung: außer mir: Andi Matthey, Mario Steinberger und Peter Schupp

Samstag, 31.05.2014 Greifswald - Sassnitz 36 sm, 6:00 Std.

Früh verlassen wir, Andi und ich, Berlin. Nach einer schnellen Fahrt erreichen wir gegen 10.00 Uhr Greifswald. Mario und Piet kommen nur wenig später. Das Ausrüsten und Einchecken ist Routine. Doch stellt sich heraus, dass das Bugstrahlruder, Marios Lieblingsspielzeug, nicht geht. Auch der „Target"-Wetterempfänger funktioniert nicht und das Log streikt. Alles Dinge, auf die wir nicht unbedingt angewiesen sind. Dafür gibt es neue elektrisch betriebene Winschen. Die brauchen wir aber nicht.
Um kurz vor halb eins legen wir ab, um noch die letzte Brückenöffnung des Vormittags in Wieck zu schaffen. Der Wind ist günstig: Westlicher Wind und das soll sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern. Im Gepäck haben wir nicht nur flüssige und feste Nahrung sondern auch alternierende Törnplanungen. Die eine hat Wismar zum Ziel, das liegt im Westen, die andere Bornholm, das liegt im Osten. Bei diesem Wind und der Prognose für die nächsten Tage, ist Bornholm die bessere Wahl. Und, weil wir so pünktlich ablegen konnten, ist Sassnitz noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen
Raumschots preschen wir über den Greifswalder Bodden, zum Teil mit 7 kn. Bei der Huck Südperd gehen wir höher an den Wind, verlieren aber kaum an Fahrt. Erst als wir bei der Landspitze „Nordperd" Kurs auf Sassnitz nehmen, stellen wir fest, dass der Wind etwas auf Nord gedreht hat und das letzte Stück ein sehr knapper Anlieger wird. Mario und ich entscheiden uns für ökonomisches Segeln. Wir verzichten vor Sassnitz auf den nötig gewordenen Kreuzschlag und lassen uns die letzten 2 sm von der Maschine bewegen.
Um 19.00 Uhr laufen wir in den Vorhafen ein, klar bei Leinen und Fender. Das heißt, nicht ganz klar: Ein Knoten muss nicht ganz vorschriftsmäßig gesteckt worden sein, so dass ein Fender seinen vorgesehenen Platz verlässt. Das übliche MOB-Manöver zum Törnbeginn findet also sofort und unter erschwerten, dafür realistischen, Bedingungen statt. Absicht? Hatten wir das nicht auch schon im letzten Jahr im Hafen von Klintholm?
charter bornholm 2014 02Schließlich liegen wir doch fest an einem der zwei nagelneuen Schwimmstege, mit allen Fendern. Die neue Anlage ist gelungen: An den zwei Schwimmstegen gibt es genug Säulen mit Licht, Wasser und Strom. Die Boxen haben unterschiedliche Breite und Länge, allerdings auch einen unterschiedlichen Preis. Die billigsten sind die Boxen 1 bis 10 am zweiten Steg. Wir gönnen uns eine für 20 €, Strom und Wasser inbegriffen. Auf dem Kai hört der Luxus dann auf. Das Büro des Hafenmeisters ist klein und unscheinbar, er ist aber sehr höflich und hilfsbereit. Duschen kostet 1 €. Dafür genießt man den Charme der ehemaligen DDR.
Während wir das Schiff aufräumen, wirkt Mario in der „Kombüse". Hähnchen mit Pilzen gibt es und jede Menge Flüssigkeit. Erst kurz vor Mitternacht kommt die Mannschaft zur Ruhe. Nur der Wind heult weiter.

Sonntag, 01.06.2014 Sassnitz - Hasle 54 sm, 9:45 Std.

charter bornholm 2014 03Um sieben Uhr klingelt der Wecker, aber so richtig kommen wir nicht in Fahrt. Erst gegen neun Uhr wird abgelegt. Der Wind ist schwächer geworden, weht aber immer noch aus West. In Lee von Rügens Steilküste geht es nur langsam voran. Erst östlich von Stubbenkammer nehmen wir Fahrt auf und laufen dann um die 6 kn. Mario, Andi und Piet lösen sich alle 60 Minuten beim Steuern ab. Das hat Mario perfekt im Griff. Ich mime den Grottenmolch und achte auf das Funkgerät, den Kurs und die Geschwindigkeit. Mittags bricht die Sonne durch. Es wird warm, aber auch diesig. Am späten Nachmittag lässt der Wind nach. Doch da können wir charter bornholm 2014 06Bornholm schon erkennen. Noch vor Sonnenuntergang laufen wir in den Hafen von Hasle ein. Welch eine Überraschung: da liegt die „Oya" von Renate und Dietmar Ulrich ...und welch ein Glück: der Adapter für die veraltete dänische Stromversorgung ist nicht mehr an Bord, doch Dietmar hat noch eine Steckdose in seiner Kabeltrommel frei. Es folgt ein ausgedehnter „talk" mit Salat und schlank machenden Snacks bei uns an Bord. Da muss so manche Flasche auf ihr Inneres verzichten. Irgendwann, so kurz vor Mitternacht fallen wir ins Koma. Es war schon ein verdammt langer, aber sehr schöner Tag.

Montag, 02.06.2014 Hasle - Nexsø 25 sm, 6:00 Std.

Die Planung für den heutigen Tag verspricht endlich Ruhe und Erholung. Wir verabschieden uns von Renate und Dietmar, die weiter nach Schweden wollen. Uns treibt es in die Stadt, besser gesagt, in das Städtchen. Nach einer kurzen Besichtigung: Rathaus, Kirche, Räucherei, kümmern wir uns um die Produkte der Region: Ymer, Franzbrød, Sild. Auf dem Rückweg besorgen wir uns noch bei der Fischfabrik etwas Eis für die Cocktails. Etwas heißt eine gehäufte Schaufel in einer großen Plastiktüte. Die Freude und die Sorge um das Eis sind bei Piet so groß, dass er ein Verkehrsschild nicht wahrnimmt und dagegen rennt. Bummmms!
Um halb elf verlassen wir den gastlichen Ort. Die Nebelfelder haben sich aufgelöst, die Sonne scheint, nur der Wind schwächelt. Anfangs versuchen wir es mit den Segeln, aber in Höhe Hammerhus ist es endgültig vorbei mit dem ökologischen Antrieb. Um 11.40 Uhr runden wir bei Hammerodde Bornholm. Jetzt geht es faktisch zurück zum Heimathafen Greifswald. Hinter der Insel ist das Meer spiegelblank. Mario entscheidet, dass hier der richtige Ort sei, Rettungsmanöver zu üben. charter bornholm 2014 07charter bornholm 2014 08Den Über-Bord-Gefallenen spielt eine blaue 0,5 l-Plastikflasche. Die ist schon beim Fallen kaum noch zu sehen. Aber unter seinem Kommando klappt alles vorzüglich. Die 25 ct.-Pfandflasche wird gerettet ... und das gleich drei Mal. Weil der Tag so schön, das Wasser so ruhig und das geplante Etmal so gering sind, wird auch das An- und Ablegen geübt. „Lasst uns mal sehen, wie voll es in Allinge ist!" lautet sein Auftrag. Also schulmäßig hinein in den engen und um diese Zeit noch leeren Hafen, wenden und wieder raus. Fazit: Wir sind ein eingespieltes Team und beherrschen unser Handwerk.
Darauf geht es nun wirklich konsequent Richtung Nexø. Um 15.30 liegt Svaneke querab und eine Stunde später legt Mario die „Sanibel" mit einem perfekten Manöver in eine Lücke am Kai des Sportboothafens von Nexø, auch ohne Bugstrahlruder! Dafür gibt es Cocktails für alle mit Fisch-Eis. Als letzte Übung des Tages steht eine Feuerlöschübung an: Mario kocht indonesisch mit exotischen Gewürzen, die uns dauerhaft und bis ins Mark hinein desinfizieren werden. Das Löschwasser ist allerdings von besonderer Art, schmackhaft und nachhaltig. Trotzdem beschließen wir, morgen um fünf Uhr aufzustehen.

Dienstag, 03.06.2014 Nexsø - Kolberg 54 sm, 11:00 Std.

Wir schaffen es tatsächlich, wach zu werden, allerdings nicht frisch! Dennoch wird um 06.00 Uhr abgelegt. 54 sm liegen vor uns, davon sicher sieben Stunden ohne Landsicht. Nachts hat es kräftig geregnet, aber gestört hat das wenig. Es regnet immer noch. Seit gestern ist das Barometer um 6 hPa gefallen. An Bord herrscht Routine, da habe ich als Grottenmolch ein schönes warmes und trockenes Plätzchen. An Deck müssen immer zwei Leute sein, der Rudergänger und die Aussicht. Zum Glück haben die heutigen Segler nicht mehr die gefürchteten „Krähennester" und der Ausguck kann sich gelegentlich unter das Spayhood verkriechen. Doch auch so ist es in der alten Dünung bei dem schwachen Nordwind nicht gemütlich an Bord, zudem das Segeln nicht möglich ist. Wir nutzen die Zeit, um reihum zu schlafen. Gegen Mittag bekommen wir Besuch. Ein kleiner Vogel setzt sich erschöpft in die Großsegelpersenning. Hier ist es windstill, aber nicht ganz trocken. Es tropft von der Saling und gelegentlich schickt uns Rasmus feuchte Grüße. Dann fliegt der kleine Kerl auf und versucht irgendwo in den Windschatten zu kommen. Ganz ins Cockpit traut er sich nicht, obwohl wir ihn mit Brotkrumen locken. Vielleicht ist er Körnerfresser und verschmäht unsere Gaben, wie ein Vegetarier das Schnitzel. Der kleine Kerl bereitet uns wirklich Freude und wir möchten zu gerne wissen, woher er kommt, welcher Gattung oder Familie er angehört, (ich vermute, es ist ein Teichrohrsänger oder ein Goldammerweibchen) und welches Ziel er hat. Die letzte Frage ist bald beantwortet. Als wir die Ansteuerungstonne Kolberg erreichen und uns per Funk beim Hafenkapitän anmelden, sieht auch er das nahe Land und verabschiedet sich stumm. Wir haben nicht viel Zeit, ihm nachzuschauen, denn vor uns taucht ein kleines, etwa sechs Meter langes Segelboot mit zwei Mann Besatzung auf, das versucht mit dem wenigen Wind gegen Strom und Welle nach Kolberg zu kommen. Bei unserer Annäherung greift einer zu einem Tampen und winkt hilfesuchend. Es sind Berliner (auf einem Selbstfindungstripp?). Problemlos können wir die Schleppleine übernehmen. Dabei erfahren wir, dass mehrfach Wellen das Heck überspült und dabei den Außenborder außer Betrieb gesetzt hätten. So retten wir neben dem kleinen Finken auch noch zwei schräge Vögel. Diese jedoch ziehen wir sicher in die Marina. Dort ist kaum noch ein Platz zu bekommen. Der Rentnertreck ist schon unterwegs, und wer bis nach Riga oder Helsinki will, muss schon im Mai aufbrechen. Also, die wirklich vorletzte Box ist unsere. Mario legt das Heck an den Schwimmsteg, keine einfache Aufgabe bei dieser Enge. Danach entfaltet er sein zweites Geschick, die Kochkunst. Es gibt Spagetti mit Scampi und abends Frischbier auf der wunderschönen Terrasse des Hafengebäudes. Dieses ist wirklich eine Reise wert: oben eine große, voll verglaste Bar und unten, neben dem Nautikshop ein Sanitärbereich vom Feinsten.

Mittwoch, 04.06.2014 Kolberg - Swinemünde 54 sm, 9:15 Std.

Welch ein Gegensatz zu gestern: Blauer Himmel, sonnige Wärme schon um 7.30 beim Ablegen! Es wäre ein Traumtag, wenn auch der Wind sich zeigen würde. So setzen wir präventiv das Großsegel und müssen zusätzlich die Maschine mitlaufen lassen. Am späten Vormittag setzt ein lauer Nordost ein, der im Laufe des Tages langsam zunimmt und auf Ost dreht. charter bornholm 2014 01Wieder achterlicher Wind; uns soll's nicht stören. Ein Bullenstander sichert das Groß, die Fock bleibt eingerollt, der Autopilot übernimmt das Ruder. So kann man auch Urlaub machen. Wir quatschen, dösen oder schlafen. Nur Mario bewegt sich von Zeit zu Zeit in sein Refugium, damit wir nicht hungern oder dürsten. Heute ist alles entspannt, keine Vögel, keine Übung. Am Spätnachmittag erreichen wir Swinemünde, füllen den Tank auf, – Heizung und Motor haben 74 Liter Diesel verbrannt – und suchen uns einen geeigneten Liegeplatz. Nicht leicht, bei den vielen freien Boxen.
Für die Anstrengungen des heutigen Tages belohnt uns der Zahlmeister (das bin ich) mit Frischbier und einem (wirklich nur einem) Wodka. Dann muss Mario wieder in die Kombüse. Lammrücken steht auf dem Speiseplan.

Donnerstag, 05.06.2014 Swinemünde - Kröslin 22 sm, 6:00 Std.

Unveränderlich hoher Luftdruck, dennoch gänzlich anderes Wetter. Es nieselt etwas. Da es heute weniger Seemeilen sind als gestern, müssen wir nicht so früh ablegen. So hat der Regen Zeit, sich zu verziehen. Ein skeptischer Blick nach draußen zaubert ein breites Grinsen in die Gesichter: Südwestwind, also wieder von achtern und kräftiger als gestern. Es wird wieder ein erfreulicher Segeltag. charter bornholm 2014 05Dicht unter der Küste von Usedom nähern wir uns mit zügiger Fahrt der Insel Ruden. Solange wir uns in Lee der Küste befinden, spüren wir nichts von der sich anbahnenden Wetterveränderung. Doch als wir den Kurs westwärts in den Greifswalder Bodden richten, sehen wir das „Unheil" nahen. Eine Regenfront mit einer Böenwalze kommt uns rasch entgegen. Schon haben sich die für die Bodden typischen kurzen und steilen Wellen aufgebaut. Von Ferne kommt schwarzes Wasser auf uns zu. Mario und ich schauen uns an und das Kommando kommt gleichzeitig: „Runter mit dem Groß!". Kaum ist das Tuch im Lazy Jack verpackt, die Fock eingerollt und die Maschine gestartet, fegt eine Bö mit 35 kn heran. Jetzt wird es ungemütlich. In der Knaakrücken-Rinne ist eine Yacht festgekommen. Doch noch bevor wir über Funk den Havaristen ansprechen können, kommt der Rettungskreuzer aus Freest. Ihm gelingt es erst nach mehreren Anläufen, den Grundsitzer wieder frei zu bekommen. Das ganze drückt etwas auf die Stimmung. Mit verstärkter Konzentration laufen wir in den Peenestrom ein und erreichen unbeschadet Kröslin. Der jetzt durchgehend starke Wind erschwert zwar das Anlegen, aber es geling wieder perfekt. Unsere Nachbarn kennen wir, zur Linken Jens Ladewig und zur Rechten Michael Müller, den Vater von Jasmin. Doch beide Schiffe sind leider unbewohnt.

Freitag, 06.06.2014 Kröslin - Greifswald 16 sm, 4:15 Std.

Das ist unser letzter Segeltag und es sieht so aus, als ob wir wirklich segeln könnten. Da wir heute noch nach Berlin zurück wollen, - Andis Flieger geht am Sonnabend früh –legen wir zeitig ab. Der Wind kommt weiterhin aus SW und hat nicht wesentlich abgenommen. Wir wollen deshalb die Segel erst setzen, wenn wir freies Wasser haben, also die schmale Knaakrücken-Rinne hinter uns liegt. Als wir an der Tonne PN5/KR13 in die 5 m tiefe Baggerrinne einlaufen, heißt die Devise: „Exakt in der Fahrwassermitte bleiben!" Zur Kontrolle frage ich Andi, der am Ruder steht: „Wie tief hast du es?" „Zwei Meter", lautet die prompte Antwort. Noch ehe ich was sagen kann, bleiben wir an der exakt gleichen Stelle hängen, wie die Segler gestern, mitten im Fahrwasser. Wir legen sofort den Rückwärtsgang ein und nach einigen Ruderschlägen ist das Schiff wieder frei, aber der Schreck steckt uns noch in den Gliedern. Unter Segeln wären wir nicht so schadlos davongekommen. Unsere Nerven beruhigen sich erst, als wir im Böttchergrund die Segel setzen. Ganz hoch am Wind geht es Richtung Strelasund. Mario und ich entscheiden, bis zur Mittefahrwassertonne „Ariadne" zu segeln und dann, wegen der knappen Zeit, mit der Maschine nach Greifswald zu fahren. Wir wollen unbedingt die Klappbrücke in Wieck um 13.00 Uhr passieren. Rasmus hat ein Einsehen und schickt uns guten Segelwind, so dass wir keine Mühe haben, den Plan einzuhalten. Auf den letzten zwei Meilen hängt jeder seinen Gedanken nach. Es war ein sehr schöner, abwechslungsreicher und spannender Törn. Noch einmal Tanken, dann in die Box des Heimathafens und ausklarieren. Die Formalitäten sind schnell erledigt, der Taucher kann keine Beschädigung erkennen und Verluste an der Ausrüstung und dem Inventar sind nicht zu vermelden! Im Gegenteil, der Wetterempfänger sendet wieder und das Log zeigt auch wieder die Geschwindigkeit an. Nur das Bugstrahlruder bleibt weiter außer Betrieb. Hier ist ein Relais durchgebrannt und muss erst beschafft werden. Drei Stunden später sind wir wieder in Berlin und träumen vom nächsten Törn. Danke, gut gemacht, Crew.

Peter Reckmann

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