Trelleborg bis Berlin

peer gynt 2013 09Donnerstag, 25.07.2013: Der Wecker klingelt wirklich sehr früh. Der erste besorgte Blick gilt dem Wind. Kein Süd-West! Überhaupt kein Wind. Die Voraussetzungen können nur schlechter werden, also legen wir ab. René hat sich sehr auf die Überfahrt gefreut und dafür eine beschwerliche Anreise in Kauf genommen. Aber mit dem Segeln wird nichts. Es ist windstill und nieselt still vor sich hin. Der erste Regen seit drei Wochen. Er macht das Beste daraus. Gegen 11 Uhr hört der Nieselregen auf, aber Wind kommt noch immer nicht. Nach wie vor sind wir zur Untätigkeit verurteilt. Ich behalte vom Niedergang aus die See und den Kartenplotter im Auge, zumal wir uns dem Verkehrstrennungsgebiet nähern. Das AlS zeigt mir viel Bewegung, also auch Begegnung an, doch befinden wir uns nicht auf Kollisionskurs.

peer gynt 2013 10peer gynt 2013 stbpeer gynt 2013 11peer gynt 2013 bbAn Steuerbord sieht es so aus,
und auf Backbord so:

Derweil steuert die Elektronik konsequent den vorgegebenen Kurs. Um 13.00 Uhr haben wir den verkehrsreichen Tiefwasserweg hinter uns. Wenig später taucht schemenhaft die Küste von Hiddensee vor uns auf. Auch der Wind scheint sich seiner Aufgabe zu besinnen. Wir setzen Groß und Blister und schaffen bei leichtem Ostwind immerhin 4,5 kn. Endlich ist René gefordert. Um 16.30 erreichen wir Dornbusch und biegen in das Fahrwasser zwischen Hiddensee und Rügen ein. Nun hilft der Blister nicht mehr. Er wird gegen die Genua ausgetauscht, die, ausgebaumt für gleiche Geschwindigkeit sorgt. Das Groß sichern wir mit einem Bullenstander. Es ist fast 19.00 Uhr als wir endlich in Schaprode einen Liegeplatz gefunden haben. Hier herrscht beängstigende Fülle und das setzt sich bis ins Restaurant fort.

Freitag, der 26.07.2013: Es ist wieder Sommer, wolkenloser Himmel und kein Lüftchen kräuselt das Wasser. Wir wollen aber weiter. Zum Bleiben ist Schaprode nicht attraktiv genug. Außerdem wollen wir am 2. August in Berlin sein. So bleibt als Kompromiss nur Stralsund. In aller Ruhe legen wir ab, tanken vor dem Auslaufen und dann hangeln wir und von Tonne zu Tonne. Gegen Mittag kommt Stralsund in seiner ganzen Schönheit in Sicht, zu früh um jetzt schon festzumachen. Wir ankern, baden, trinken Kaffee, um dann kurz vor der Brückenöffnung noch einen Liegeplatz in der Marina zu ergattern. Den Abend verbringen wir in der Altstadt. Es ist mittelalterlicher Markt und wir testen, was unsere Vorfahren so zu sich genommen haben. Also, schlecht haben sie nicht gelebt: die Fruchtweine, das obergärige Bier, das gegrillte Wildschwein einschließlich des Fladenbrots und der über Holzkohle gegarten Kartoffelspieße haben auch uns geschmeckt. Jedenfalls hat der Abend auch die Nacht verkürzt.

27.07.2013: Gnadenlos klingelt der Wecker. Die Ziegelgrabenbrücke diktiert den Zeitplan. Wir verschieben die Morgentoilette und das Frühstück bis nach der Passage und ankern vor Drigge, gut geschützt vor dem allerdings mäßigen Ostwind. Um 11 Uhr drängle ich zum Aufbruch. Der Wetterbericht, wenn er denn stimmt, verspricht Ungemach. Dennoch bringe ich es nicht übers Herz, den schönen Segelwind zu ignorieren. So kreuzen wir durch den Strelasund nach Osten. Bald finden wir auch einen Gegner, der auch die Herausforderung annimmt. So reizen wir unsere Möglichkeiten aus. Das geht eine ganze Weile gut, bis unser Gegner zu viel riskiert und stehen bleibt. Nicht nur deswegen hat René Freude am Segeln und kostet das weidlich aus. Ich mache mir Sorgen, weil die Zeit verrinnt und wir uns unserem Ziel nur langsam nähern. In Stahlbrode legt gerade die Fähre ab. Ich versuche unter Land hinter dem Heck vorbeizukommen. Das gelingt nur unvollkommen; dort ist es nämlich flach. So kann die Fähre ungehindert das Fahrwasser queren. Wir starten die Maschine, rollen die Genua ein und setzen die Fahrt fort. Innerhalb weniger Minuten frischt der Wind auf. Als wir den Ausgang des Sundes erreichen und in den Greifswalder Bodden einlaufen, hat sich schon eine unangenehme Welle aufgebaut. Am Klügsten wäre es jetzt, nach Wick oder Lauterbach zu segeln, aber das entfernt uns zu sehr vom unserem eigentlichen Ziel. Also Kragen hoch und durch. Um 14.30 Uhr erreichen wir endlich die Knaackrückenrinne. Nun wird es ein Segelrausch. Mit teilweise 6,5 kn pflügen wir durch das schmale Fahrwasser. Nach 90 Minuten sind wir in Kröslin. Renate kocht, René und ich klaren auf.

Noch während des ersten Biers kommt der Notruf aus der Küche: „Das Gas ist alle!" „Kann gar nicht sein, ich hatte die Flasche erst vor acht Tagen in Hällevik gewechselt!" Trotzdem brennt kein Flämmchen mehr im Herd. So eile ich zum Hafenmeister in der Hoffnung irgendwoher eine volle Flasche Propan zu bekommen. Angst und Eile sind unbegründet. Mit einem: „wir haben alles!" bekomme ich das benötigte Utensil für eine warme Mahlzeit.

Sonntag, der 28.07.2013: Als Feiertagsüberraschung präsentiert der Deutsche Wetterdienst seine Prognosen: Starkwind aus Ost bis Südost mit Schauer- und Gewitterböen. So bleibt viel Zeit für ein ausgedehntes Frühstück. Doch dazu fehlt und einiges. Die Marina hat zwar ein modernes Versor-gungszentrum gebaut, aber am Wochenende, wenn alle Segler da sind, hat es geschlossen. Aber ich erfahre, dass in Freest der kleine Supermarkt vormittags geöffnet hat. Da wir sowieso nicht Segeln können, wandern wir dorthin. Die Sonne scheint und die Segler streben hoch am Wind dem Bodden zu. Es ist ein schöner Spaziergang. Allerdings hat der Supermarkt nur bis 10.00 Uhr geöffnet. Zu früh für uns. Auch auf dem Rückweg scheint noch die Sonne. Ich beneide die Segler, die den Wetterbericht nicht gehört oder ihm nicht geglaubt haben. Da wir nach Möglichkeit nicht durch den Peenestrom nach Stettin wollen, beschließe ich, schon mal nach Freest zu verholen, um dann morgen schneller auf der See zu sein. Gedacht, getan und zur Belohnung gehen wir Fisch essen.

Montag, der 29.07.2013: Irgendjemand muss beim Seewetteramt die Seiten vertauscht haben. Heute haben wir das angesagte Wetter von gestern. Kein Nordost von 3 bis 4 Bft, sondern böiger Ostwind mit tief hängenden Wolken. Östlich von Ruden beginnt es zu regnen und es dauert nicht lange, bis René und ich keine trockne Faser mehr am Körper haben. Die nötigen 140° können wir gerade so halten. Dafür werden wir nicht nur mit Süßwasser geduscht. Zwischendurch fegt ein Schwall Salzwasser über das Schiff. Aber auch das ist Segeln und René zeigt keine Spur von Unlust oder Frust. Den einzig angenehmen Platz hat Renate unter dem Sprayhood. Doch ihr Bedauern kann uns nicht so richtig erwärmen. Nach sieben Stunden taucht die Hafenmole von Swinemünde vor uns aus dem Regennebel auf. Eigentlich wäre jetzt noch ein Kreuzschlag nötig, aber auf den verzichten wir großmütig. Um 16.00 Uhr können wir endlich die nassen Klamotten wechseln und uns unter der Kuchenbude im Trockenen ausstrecken, allerdings bei René mit seinen 1,9 m Lüa nur bedingt. Langsam hört auch der Regen auf und lässt einen Einkaufsbummel zu. Danach warten noch vier Schollen auf mich, die abgezogen und filetiert werden wollen. Zweieinhalb davon isst allein der Lange.

Dienstag, der 30.07.2013: Ab jetzt ist alles und jeder entspannt. Nun kann uns das Wetter nicht mehr wesentlich behindern – und das scheint es zu wissen. Es lacht uns förmlich an, so als wollte es zeigen, was wirklich Sommerwetter ist. Leichter bis mäßiger WNW-Wind, ein Bilderbuchhimmel mit blütenweißen Cumulus. Leider ist der Spaß am Nachmittag vorbei, vorerst endgültig – wir sind in Goclaw.

Unter der Mastleiter liegt schon ein Schiff. Also suche ich den Hafenmeister und verhandle mit ihm über das Mastlegen. „Heute nicht mehr!" erklärt er kategorisch ist gutem Deutsch. Der Kranführer, der mir als sehr kompetent vom Törnbeginn her in Erinnerung ist, muss nämlich zum Fußballspiel. Ich sage ihm, dass ich dann zur Marina Marco fahren werde. Das wollte er nicht. Dafür verspricht er mir, morgen um 7 Uhr den Mast legen zu wollen. René und ich beginnen mit dem Abwracken. Dennoch bleibt genügend Zeit für ein Bier in der Taverne und vor allem für den obligatorischen Spieleabend im Cockpit.

Mittwoch, 31.07.2013: Um 7 Uhr suche ich den Hafenmeister. Der hat sich auf ein polnisches Schiff zurückgezogen. Der Kranführer ist nämlich noch nicht da. Eine halbe Stunde später kommt auch er, schlecht gelaunt, weil, so erklärt er auf meine Frage, er gestern das Spiel verloren habe. Dann geht aber alles ganz schnell, bis sich der Hafenmeister seiner Macht besinnt. Er verlangt, dass wir das Schiff wegen der Unfallgefahr verlassen sollen. Es entwickelt sich ein heftiger Disput zwischen Renate und dem Chef des Hafens. Derweil warte ich unter Deck auf den Mastfuß. Also muss ich wieder an Deck. Schließlich einigen wir uns mit dem Kranführer, dass ich das Sagen habe wie was geschieht. Minuten später liegt der Mast. Dann wird alles verzurrt und verstaut. Um 10.30 Uhr können wir ablegen, verfolgt von bösen Blicken. Aber wir kommen nicht weit. Unter der ersten Brücke in Stettin befinden sich auffallend viele Schiffe, teils am Ufer festgemacht, teils im Fahrwasser stillliegend. An einsetzenden Regen kann es sicher nicht liegen. Ursache dafür ist eine „vorübergehende" Sperrung des Fahrwassers. Pioniere bauen eine Pontonbrücke zur Flussinsel, weil dorthin Schausteller mit ihren Wagen wollen, um das große Hafenfest im September vorzubereiten. Mir scheint, dass „vorübergehend" wohl sehr lange dauern wird. Also wenden und fahren zur Ostoder. Später hört der Regen auf und es wird wieder sommerlich warm. So unterbrechen wir die Fahrt, um einmal in der Oder zu baden. Trotzdem erreichen wir Schwedt gegen 17.30 Uhr. Dieses Mal gelangen wir trockenen Fußes ans Ufer.

Donnerstag, der 01.08.2013: Der Rest ist schnell erzählt. René muss früh aufstehen, was ihm sicher nicht behagt. In Hohensaaten haben wir praktisch keine Wartezeit, dafür in Niederfinow und in Lehnitz jeweils 45 Minuten. Den Tag verbringen wir mit Quatschen. René hat noch nie so viel von sich und seinen Plänen erzählt wie in den letzten Tagen. Das mag auch sicher daran liegen, dass er die schulische Last los ist. Wir legen uns im Lehnitzsee vor Anker. Ein letzter Abend und es gibt traditionell Bohnensuppe.

Am Freitag erwartet uns Benn wie immer im TSC. Eine freudige Begrüßung. Da Renate schon auf den letzten Kilometern fast alles zusammengepackt und René sich ohnehin auf Weniges beschränkt hat, dauert das Abmustern nicht lange. Auch eine Fahrkarte für den Nachtzug bekommen wir noch im DB-Reisezentrum. So ist er dann auch pünktlich zu seinem Geburtstag zu Hause. Vielleicht hat es ihm ja gefallen – wovon ich überzeugt bin - und er hat Lust, den See-Schein zu machen, dann hat er es in der Hand, selbst das Abenteuer Seesegeln eigenverantwortlich zu erleben.

So, das waren nun genau 1.000 sm in 46 Tagen in einem außergewöhnlichen Sommer. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt.

Peter und Renate

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