Figeholm bis Klintemåla und zurück

Am Dienstag legen wir gegen zehn in Figeholm ab. Wir sind nicht die einzigen. Bei Mårshällan teilt sich die Flotte, die einen segeln nach Norden, die anderen nach Süden. Beides geht bei dem südöstlichen Wind. Auch wir haben die Segel gesetzt und versuchen hoch am Wind das Schärenfahrwasser zu erreichen. Die vor mir ignorieren die Fahrwassertonnen und können so gleich ins Fahrwasser einbiegen, ich müsste aufkreuzen oder die Maschine zu Hilfe nehmen. Ein Blick auf den Kartenplotter zeigt mit zwei Stellen mit der 3-m-Tiefenlinie, daneben ist es tief genug. Also entscheide ich mit für beides. Ich wähle die Abkürzung und lasse die Maschine mitlaufen. Plötzlich zeigt mir das Echolot eine rapide fallende Wassertiefe an. Ich lege den Rückwärtsgang ein und überlege kurz ob ich über Steuerbord oder Backbord wende. Aber die Überlegung kommt zu spät, wir stehen. Mit der Maschine versuche ich das Schiff zu drehen, um dadurch Druck ins Segel und damit Lage zu bekommen. Das gelingt auch, aber dann bleiben wir in irgendeinem kleinen Loch hängen. Wir nehmen die Segel dicht, krängen indem wir uns in die Wanten hängen, lassen kurz die Maschine aufbrausen; - nichts, es geht nicht vorwärts. Da schickt und ein Engel oder Neptun einen Motorbootfahrer, der unser Bemühen beobachtet hat. Er übernimmt meine Leine, dann zieht er langsam an. Es rumpelt zweimal und wir sind wieder frei.

Ich bedanke mich herzlich, erkläre, dass ich „verry happy" sei, aber da hat er schon Gas gegeben und entschwindet. Peinliches Schweigen an Bord. Renate verkneift sich die Vorwürfe und ich erspare mir die Erklärungen warum ich an dem Geschehenen so gut wie unschuldig bin. Ein Blick in die Seekarte hätte genügt, da ist die Untiefe verzeichnet. Meine vorausfahrenden Lotsen müssen sie gekannt und vermieden haben.

Was folgt ist dennoch ein herrlicher Segeltag. Eine Backstagbrise treibt uns durch den Schärengarten, wir merken gar nicht, dass der Wind langsam zulegt. Bei Kråkelund fahren wir eine Schifte und baumen die Genua aus. Die Trio zieht eine beachtliche Heckwelle hinter sich her. Da der Wetterbericht für die Nacht auf Nord drehende Winde von 4 Bft., in Böen 6, vorhergesagt hat, suchen wir uns einen Ankerplatz, der nach Norden gut geschützt ist. Einen solchen, das habe ich in Erinnerung, gibt es nördlich von Klintemåla. Diesen steuern wir an. In der Bucht, die ringsum von Inselchen umsäumt ist, ankert kein einziges Schiff. Am nördlichen Ufer liegt das Gehöft Skeppgården. Kein Mensch ist zu sehen oder zu hören. Hier liegen wir geschützt. Der südöstliche Wind schläft ein und der Nordwind kommt nicht. Wir steigen ins Schlauchboot und erkunden die Landschaft. Es gibt Blaubeeren, über die wir uns, dem Sammlertrieb folgend, sofort hermachen. Dazu muss gesagt werden, dass wir nie das Boot verlassen ohne nicht für solche Glücksfälle gerüstet zu sein. Nach einer ganzen Weile, unsere Sammelgefäße sind schon fast voll, fragt Renate, ob ich ihren Rucksack hätte, sie würde ihn vermissen. Nun Schweden ist ja nicht so groß, als dass man einen im Wald abgestellten Rucksack nicht finden könnte. Wir machen uns also auf die Suche – erfolgreich! Es folgt ein herrlicher Sommerabend an Bord. Nachmittags hatte sich Hanne gemeldet und berichtet, dass sie von Gotland kommend in Västervik festgemacht hätten, und dort wohl bleiben würden, weil sich das Wetter verschlechtern solle. Noch spüren wir nichts davon, aber die Nachricht verunsichert mich doch. Wir schlafen aber ruhig und ungestört in unserer Bucht.

Der Mittwoch beginnt mit einem Bilderbuch-Morgen. Die Sonne scheint; es ist kaum Wind, der aber kommt aus Nordwest. Wir baden, frühstücken und erkunden mit dem Schlauchboot die gegenüberliegenden Inseln. Keine Blaubeeren, keine Pilze und auch keine Erdbeeren. Dafür finden wir ein richtiges Feld mit Vergissmeinnicht, von denen wir einige für die Vase pflücken. Dann geht es zurück aufs Schiff. Der neuste, inzwischen eingetroffene Wetterbericht verspricht Dinge, die wir nach unserem Augenschein kaum glauben können: Nordwind 5 – 6 Bft., Schauerböen bis 7 Bft und vereinzelt Gewitter. Also stellen wir uns innerlich wenigstens darauf ein, diesen schönen und geschützten Ankerplatz verlassen zu müssen. Schon wenig später ziehen jedoch die ersten Vorboten des Unwetters auf. So entscheiden wir, Kaffee zu kochen und dann und Richtung Klintemåla zu verholen, der einzige Hafen in der Nähe und nach Norden hin geschützt. Kurz darauf lichten wir den Anker. Die Entscheidung kommt schon fast zu spät. Kurz vor dem Hafen erwischt uns der erste Schauer. In Eile wird angelegt und die Kuchenbude aufgezogen. Was dann folgt ist schlimmer als angesagt. Gewitter, Regen und Böen von 20 bis 24 m/sek, das sind 9 Bft. So geht das bis in den späten Abend, dann wird es etwas ruhiger.

Der Donnerstag beginnt, wie der Mittwoch geendet hat. Eine Regenpause nutzen wir, um Duschen zu gehen. Gegen 10 Uhr legt unser Nachbar ab. Da herrscht immer noch böiger Nordwind. Dieser treibt ihn über unsere straff gespannte Ankerleine. Dabei bleibt er mit dem Ruderblatt und dem Außenborder hängen. Ich löse meine Heckleine, während er versucht, mit einem Bootshaken die Leine nach unten zu drücken. Im zweiten Anlauf gelingt es, und er kommt frei. Nein, das ist uns alles zu riskant. Wir besprechen uns mit einem deutschen Segler mit Heimathafen Ückermünde. Das Gespräch wird durch einen Schauer beendet. Wieder unter der Haube beschließen wir, auf den neusten Wetterbericht zu warten und bis 12.00 Uhr eine Entscheidung zu treffen. Der Wetterbericht bleibt bei 5-6 Bft. aus Nord; aber kurz vor zwölf zeigt sich ein „Silberstreif" am Horizont. Wir brechen kurzentschlossen auf. Nur mit der Genua segeln wir Richtung Kråkelund und dann süd-westwärts nach Gröttlan. Schneller geht es auch mit der Maschine nicht. Noch vor 16.00 Uhr erreichen wir Figeholm. Die Wolken sind wie weggeblasen, die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen. Wir sind froh, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Abends gibt es dieses Mal keine Pizza.

peer gynt 2013 04Der Freitag ist die letzte Gelegenheit, sich umfassend zu versorgen. Wind und Wetter sind günstig. So wird etwas schneller gefrühstückt und das Schiff klar gemacht. Nach zwei Stunden ist Oskarshamn erreicht. Der Hafen ist leer und die Tankstelle sieht ganz neu aus. Also erst Einkaufen und dann Auftanken. Renate findet, wie immer, eine schöne Sommerbluse, einen noblen Pulli und ein schlichtes, aber bezauberndes Leinenkleid. Um 15.00 ist alles erledigt, wir legen ab zum Tanken; es klappt jetzt auch mit der Kreditkarte. In den vergangenen Jahren konnte man nur mit Scheinen bezahlen. Wieder können wir segeln. Lautlos gleiten wir durch das enge, verwinkelte Fahrwasser. Auf den seewärtigen Schären aalen sich Sonnenhungrige, auf der Landseite folgt eine zauberhafte Hütte nach der anderen. Wenig später biegen wir in unsere Bucht, die Själeviken, ein. Nur ein Segelboot liegt am Ende an den Felsen. Wir bleiben vor und genießen einen wunderschönen Sommerabend.

Peter und Renate

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